Samstag, August 21, 2010

Die Scott Pilgrim Spontanität


Am 6. Januar 2011 startet in Deutschland „Scott Pilgrim vs. the World“. Seit dem 13. August 2010 läuft er schon in Nord-Amerika. An anderer Stelle habe ich schon beschrieben, warum ich den Film mit Spannung erwartet habe und weshalb ich an eine gelungene Comic-Verfilmung, eine Comicvorlage, von der ich bis dato keine Kenntnis genommen hatte, glaubte. In erster Linie lag das selbstredend an Edgar Wright, einfach weil „Shaun of the Dead“ und „Hot Fuzz“ nicht nur aus seiner Feder (in Kooperation mit Simon Pegg) stammen, sondern er auch die Regie übernommen hat – und in beiden Fällen einen großartigen Job gemacht hat.


Wer soeben meinen Text genau gelesen hat, dem ist bestimmt die Vergangenheitsform aufgefallen: ich hatte hohe Erwartungen, ich habe ihn mit Spannung erwartet, ich glaubte an Edgar Wrights Talent. Und das hat einen guten Grund! Nicht, dass sich all dies aus irgendeinem Grund zerschlagen hätte (genau genommen wurde es durch Spoony noch angefeuert), ganz im Gegenteil: es hat sich alles bestätigt! Denn…

Ich habe gestern „Scott Pilgrim vs. the World“ gesehen! In Deutschland! In NRW! In Köln! Im Rex! Und es war…


Ja, wie oben gesagt, der Film läuft schließlich schon seit dem 13. August auf Englisch und dementsprechend sah ich ihn auch gestern im O-Ton. Durch einen Filmblog bekam ich nämlich Kunde davon, dass in Köln am 20. August im Rex besagtes Special Screening anlässlich der GamesCom stattfindet. Das tragische an der Sache war: ich konnte keine Karte mehr ergattern! Was mich ein bisschen wurmte, hätte ich somit wohl oder übel bis Januar 2011 warten müssen.

So geschah es, dass ich mit meiner Freundin in Köln unterwegs war, das Special Screening immer im Hinterkopf, um beim Cinedom die Karten für das „The Expendables“-Preview zu holen. Anschließend wollte sie noch Einkaufen gehen (he he he). Kölner werden jetzt wissen, was sich in der Nähe des Cinedoms befindet. Richtig, der Mediapark und Saturn! Viel wichtiger ist allerdings in diesem Falle die Nähe zu den Ringen – wo auch das Rex seine Zelte aufgeschlagen hat.
Weswegen der Gedanke via freiwilligen Inception in meinem Kopf reifte, dort doch mal vorbeizuschauen! Wogegen meine bessere Hälfte keine Einwände hatte, was letztendlich zu ihrem Verhängnis wurde... . Nach einer kleinen Verwirrung an der Friesenplatz-Haltestelle (passiert jedem, inklusive der Kölner), standen wir vor dem Kino und es war kein Zeichen, dass das Screening stattfinden würde – abgesehen von den diesen Pappdingern und einem Riesigen Aufsteller aus demselben Material.


Dennoch war ich unsicher und dachte schon, man könne wieder von dannen ziehen, während meine andere kleine innere Stimme mich drängte, doch nachzufragen. Nach langem Zögern (Patrouille im Foyer...) bekam diese kleine Stimme noch Unterstützung von meiner Freundin und wir fragten nach. Dann ging es sehr flott:

„Hallo, ich hätte eine Frage: ich habe von einem Special Screening von „Scott Pilgrim“ hier gehört…“
„Oh ja, da kommt ihr gerade noch rechtzeitig! Der Film hat gerade angefangen, wenn ihr jetzt reingeht verpasst ihr nicht viel! Wie ist gleich ihr Name? Alles klar, hier die Karten, viel Spaß!“

Und schon waren wir im Kino und kamen in den spontanen Genuss des Films (die Credits waren gerade vorbei) – Einkaufen war somit natürlich nicht mehr (he he he)…



Was die meisten aber jetzt viel eher interessieren wird: wie war denn nun der Film?


OK, ok. Ich sage es euch: er war fantastisch! Großartig! Total nerdig!
Ich hatte einen unglaublichen Spaß mit dem Film, denn er war in jeder Hinsicht großartig! Ich mochte schon „Kick-Ass“, ebenso ein Nerd-Film, dessen Kinoverwertung dennoch gegen Ende in Mainstreamkonventionen aufging – anders als der Comic. Zwar keine Enttäuschung, traf er nicht ganz meine Ansprüche an den Film. Nichtsdestotrotz fand ich ihn gut! Nichts gegen den Comic freilich.
Bei „Scott Pilgrim“ verhält es sich für mich interessanterweise invertiert: die Comics fand ich nicht sonderlich überragend, wenn auch unterhaltsam. Vielleicht ein Umstand, der sich in meiner regelmäßigen Alan Moore-Lektüre begründet findet. Der Film jedoch…

Ich halte mich jetzt gar nicht mehr mit einer Inhaltsangabe auf, die kann man auch bei Wikipedia nachlesen: der Film ist in vieler Hinsicht einfach großartig.

1. Das Casting ist perfekt!
In jeder Hinsicht. Die Charaktere sind vom Äußeren gut getroffen und vom Typ nicht minder passend. Und jeder macht einen wirklich fantastischen Job, angefangen bei den Hauptdarstellern, bis in die kleinsten Nebenrollen. Jemanden hierbei speziell herauszupicken fällt nicht leicht, ob der großartigen Leistung aller Beteiligten. Ich führe als Beispiel mal Knives Chau an, die Ellen Wong in jeder Facette, in ihrer Niedlichkeit, wie in ihrer Verrücktheit, perfekt verkörpert und nicht einfach spielt. Und natürlich Kieran Culkin (japp, der Burder von Macaulay Culkin) als Scotts schwulen Zimmergenossen Wallace, der ein paar der grandiosesten Witze für sich einnimmt, ohne in peinliche, dümmliche, homophobe Schwulenwitze zu verfallen. Sogar Michael Cera als Scott Pilgrim hat mir gut gefallen, weil er den Charakter in seiner sympathischen Körmeligkeit, wie in seiner Ziellosigkeiten und seinem keineswegs korrektem sozialen Umgangston beachtenswert darstellt.


2. Der Humor!
Durch seinen ganz eigenen Stil,bisweilen mehr subtil und ganz auf sein Zielpublikum zugeschnitten, ist der Humor großartig. Das Timing stimmt, er passt immer in die Handlung und heischt nie nach offensichtlichen Lachern. Es gibt keine peinlich Ausrutscher! Na ja, vielleicht der Pee-Bar-Witz, aber der ist verschmerzbar. Sei es der Wortwitz, der sich in jedem Dialog entwickelt oder die Einbindung von Spielewitzen – der Humor sitzt bombenfest.

3. Die Action!
Hier beginnt der wahre Wahnsinn! Denn was hier abgeht, stellt selbst „Dragonball Z“ noch in den Schatten an Verrücktheit! Bund, wild, abwechslungsreich – und großartig choreographiert. Man kämpft gerne allein mit den Fäusten und Beinen im Kung-Fu-Stil oder aber mit übernatürlichen Kräften, wie übermenschlicher Kraft, psychokinetischen Fähigkeiten oder überdimensionalen Waffen. Die Kämpfe kommen in Sekundentakt und machen bei jedem Male mehr Spaß.


4. Der Stil!
Ein Grund, warum ich den Film so großartig fand, sind die vielen Details, die sich in den Bildern verbergen und meist im Arcade-Game verwurzelt sind. So erscheint bei den Kämpfen meist ein großes Vs. zwischen den Opponenten, Kombos werden eingeblendet, das Bild wird plötzlich an manchen Stellen pixelig, Scott erfährt einen Level Up – das erstreckt sich bis in die Musik, die entweder nach derartigen Spielen klingt oder tatsächlich aus diesen verwendet wird. Und es gibt wirklich viel zu entdecken, entweder in den aus Spielen entwendeten optischen und akkutischen Tricks oder in der comichafte Lautmalerei. Bisweilen werden sogar animierte Panels aus den Scott-Pilgrim-Comics kurz eingeblendet. Stets wunderbar und nicht störend in den Film eingebunden.

5. Der Soundtrack war auch großartig!
Ja, schon wieder großartig, mein Vokabular ist wohl zu begrenzt, aber so empfinde ich den Film eben und jeden kleine Teil davon. Die Musik, die die Bands im Film selber spielen, ganz im Stil der typischen Garagenbands, oder eben Musik von den Rolling Stones – mir war es egal, dass das so gar nicht meinem Musikgeschmack entsprach! Der Film hat mich einfach so eingenommen, dass ich die Musik sogar mit Freuden gehört habe – zu schreiben, sie sei passend gewesen, klingt zu einfach, aber so ist es… einfach.


6. Ja, Edgar Wrights Regie ist makellos!
Das merkt man ja schon, wenn man die oberen Punkte liest. Die kleinen Einfälle, die Schauspielführung, die Kameraeinstellungen – es erscheint alles handwerkliche einfach so perfekt! Die Kameraführung ist in die ruhigere Szene kreativ, in den Actionszenen furios, zusammen mit dem Schnitt sehr schnell und eben nicht das übliche Kameragewackel mit Stakkatoschnitt. Ein Beweis, dass es auch ohne geht, wenn man Action inszenieren will.

7. Die Adaptierung!
Die Adaptierung ist äußerst vorlagengetreu und hält sich nah an die Comics, in der Storyline, den Charakteren, der Lautschrift, eben sogar in manchen Panels, die im Film selbst vorbeischauen. Ein vorbildlicher Umgang mit der Vorlage – wie es sein sollte.

Japp, ich bin begeistert von dem Film und müsste ich etwas Negatives an dem Film finden, dann ist es wohl seine Begrenzung auf sein Zielpublikum. Nein, ich finde das absolut nicht negativ, trotzdem muss ich wohl konstatieren, dass man, wenn man kein derartiger Freak ist, absolut GAR NICHTS mit dem Film wird anfangen können!
Die Witze werden nicht zünden, der Stil wird einen nur verwundern und abschrecken, abgesehen davon, dass die ganzen körmeligen Charaktere einen nicht ansprechen werden! Deswegen sollte man genau wissen, ob man sich den Film antut. Im Gegensatz zu „Kick-Ass“, der sich tatsächlich wieder dem Mainstream angebiedert hat, ist „Scott Pilgrim vs. the World“ absolut auf sein Zielpublikum zugeschnitten. Und dafür danke ich ihm!
Das ist ebenso ein Punkt, weswegen ich den Film großartig finde, weil er seinem Szenario, seinen Ursprüngen treu bleibt und nicht für ein breiteres Publikum zugänglich gemacht wurde. Das hier ist DER Film für die Nerds, Geeks und Hipsters. Und er ist absolut großartig.
Mit folgender Aussage habe ich schon meine Freundin geschockt, die übrigens genauso verwundert, wie abgeschreckt wurde und bis auf Wallace nichts mit den Charakteren hat anfangen konnte: ich finde „Scott Pilgrim vs. the World“ besser als „Inception“! Er ist vielleicht nicht überragend intelligent, aber wild, bunt, schräg, charmant, gemütlich, handwerklich perfekt, mit großartigen Darstellern und großartiger Regie – und er ist eben volles Zielpublikumsprogramm, konzentriert und beständig bei seinem Thema und seiner Vorlage stets treu!

Einfach großartig! Dicke 9 von 10 Punkten von mir!


Kommentare:

huggybaer hat gesagt…

Danke! Ich hatte bei dem erstan Absatz Angst, zu Ende zu lesen, es klang mir doch zusehr nach einer vernichtenden Kritik, die ich einfach (nach dem Flop des Films in den USA) nicht mehr verkraftet, und womöglich bis Januar durchgeheult hätte!

Aber was du schreibst bestätigt meine hohen Erwartungen nur noch mehr und lässt die Hoffnungen auf eine großartige Comicverfilmung steigen!

Btw. ich stand auf der Gästeliste fürs Screening, habs aber leider nicht nach Köln geschafft. Bitteschön für die Plätze :)

Darth Puma hat gesagt…

Hey, es freut mich für Dich, dass Dir es doch noch möglich war, den Film zu sehen.
Da habt Ihr aber mächtig Schwein gehabt. :-)
Das Review klingt ja richtig positiv. Vielleicht sollte ich mir im Januar auch den Film ansehen.

Okami Itto hat gesagt…

@ huggybaer:
Willkommen in meinem Blog! :-)

Der Film ist wirklich klasse, da brauchst Du Dir keine Sorgen zu machen - vor allem, wenn man so Arcadegame-begeistert ist. ;-)

Und wirklich gefloppt ist er ja nun nicht, aber der grossen Hit wird er nicht werden, eben wegen seiner Ausrichtung auf sein spezielles Zielpublikum.

Auf jedenfall dank für Karten! :-)


@ Darth Puma:
Das solltest Du! Der Film hat den Erfolg verdient, einfach schon handwerklich.

Der Imperator hat gesagt…

Neid!
Ich werde mir den Film mit Sicherheit anschauen, allerdings nur in O-Ton. Beim Deutschen Trailer ist mir richtig schlecht geworden. Ich hoffe inständig für den Film, dass diese grottige Synchro nicht final ist. Ansonsten verzichte ich auf den Kinobesuch und holen ihn mir direkt auf DVD/ Blue Ray.

Okami Itto hat gesagt…

@ Imperator:
Unbedingt! Den Film möchte ich auch nur noch im Original hören. Mir erging es zudem beim deutschen Trailer genau wie Dir...